Ulrike Kostka - 25. Januar 2019 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Heimat

Erfahrungen aus der Heimat des Wolfes


Ländlicher Raum braucht mentale Chancen

In vielen ländlichen Gegenden im Osten Deutschlands ist der Wolf in den letzten Jahren heimisch geworden. Er steht für viele Bilder, wie der ländliche Raum in den neuen Bundesländern angeblich aussieht: verödete Gegenden, leere Dörfer. Sicherlich gibt es diese Realität auch. Vorpommern im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist die am dünnsten besiedelte Region der Republik und die demografische Entwicklung ist in Gebieten wie der Prignitz im Land Brandenburg stark rückläufig. Ist der ländliche Raum nur noch für Nostalgiker, Freunde biologischer Landwirtschaft und Raumpioniere geeignet? Viele „Raumpioniere“ haben sich nach der Wende aus dem Westen in den Osten aufgemacht, um sich auf dem Land zu verwirklichen und dort heimisch zu werden. Manche haben es geschafft, andere sind irgendwann entnervt gescheitert und zurückgekehrt zum laktosefreien Latte am Prenzlauer Berg.

 

Kontrastreicher als das Erzbistum Berlin könnten die Gebiete nicht sein, die es umfasst. Berlin als Hauptstadt mit enormen Wachstumsraten – unter anderem auch bei Katholiken aufgrund des Zuzugs von Menschen aus katholisch geprägten Ländern – und Brandenburg und Vorpommern. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, differenzierter könnte der ländliche Raum nicht sein. Ländlicher Raum ist nicht gleich ländlicher Raum.
Viele Menschen haben nach der Wende ihre Heimat in den ländlichen Räumen aufgegeben, weil es ihre Arbeitsplätze nicht mehr gab. Jetzt kehren aber auch immer mehr zurück. Landkreise ächzen unter dem Fachkräftemangel und suchen nach pfiffigen Marketingstrategien, um Ehemalige wieder heimisch zu machen. Ländlicher Raum heißt wieder Perspektive, aber nur da, wo es auch eine Anbindung gibt an den öffentlichen Nahverkehr, Schulen und Ärzte. Wo Strukturen rückgebaut werden und der nächste Facharzt 40 Kilometer entfernt ist, wird der ländliche Raum spätestens im Alter zum Risiko. Armut auf dem Land sieht auch im Alltag anders aus als in der Stadt. Es kann z. B. Mobilitätsarmut sein, weil das Busticket zu teuer ist oder gar keiner mehr fährt. Sucht kann anders sein. Es wird in bestimmten Altersgruppen eher gesoffen als Drogen konsumiert. Darunter sind manche, die nach der Wende keinen Anschluss gefunden haben. Deshalb sind Angebote wie der Holzhof der Caritas in Pasewalk so wichtig. Hier finden Menschen mit Suchtproblemen mitten auf dem Land eine berufliche Perspektive. Sie stellen Kaminholz her und erleben sich als Teil einer Gemeinschaft. Heimat ist hier, nicht allein zu sein und täglich rauszukommen aus dem, was das Leben schwer macht.

 

Ländlicher Raum im Osten ist für viele aber auch Lebensglück auf Zeit. Im Sommer strömen Heerscharen durch Brandenburg und Vorpommern, genießen den Kultursommer oder besuchen das Bioschwein, an dessen Aufzucht man sich ökologisch korrekt beteiligt. Das ist größtenteils eine gute Entwicklung. Der ländliche Raum wird hier als Ressource entdeckt. Eine Kehrseite der Medaille sind Existenzen, die rein auf das Saisongeschäft angewiesen sind. Ferienregionen wie Usedom und Rügen sind wunderschön, gleichzeitig gibt es dort hohe Verschuldungsraten, Armut und Benachteiligung.

 

Menschen im ländlichen Raum brauchen genauso wie in Städten Zugang zu wohnortnaher sozialer Beratung. Eine gute Ergänzung ist das Carimobil, mit dem Sozialarbeiter mobile Beratung anbieten. Ländlicher Raum braucht nicht nur eine Geh- bzw. Fahrstruktur, sondern auch eine Komm-Struktur. Pflegedienste, Ärzte, soziale Beratung oder Freizeitangebote müssen sich auf den Weg machen bzw. vor Ort bleiben können. Dazu braucht es aber auch eine gezielte Förderung des ländlichen Raums. Die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ der Bundesregierung darf nicht nur Ankündigungspolitik sein. Es geht darum, wirkliche Perspektiven auf dem Land zu schaffen. Digitalisierung ist dafür ein Mittel, ist aber auch nicht der Universalschlüssel zur Lösung aller Probleme. Die Expertise der Wohlfahrtsverbände sollte für die Entwicklung der ländlichen Räume mehr genutzt werden Denn wir müssen nicht erst dort hingehen, sondern sind schon längst da und kennen uns aus.

 

Der ländliche Raum ist aber auch Chance. Denn dort ist Platz und meist sind die Grundstücke noch bezahlbar. Ohne ländlichen Raum würde Berlin aus allen Nähten platzen. Die Stadt kann expandieren. Vielleicht kann sie sogar noch vom ländlichen Raum in Brandenburg lernen. Denn dort funktioniert Verwaltung und man bekommt sogar schnell einen Termin auf dem Bürgeramt.

 

Ländlicher Raum braucht mentale Chancen. Die Oderregion wurde von vielen schon abgeschrieben. Jetzt gibt es dort auf einmal in verschiedenen Orten Aufbruchsstimmung, z. B. in der Gemeinde Löcknitz an der deutsch-polnischen Grenze. Denn die Großstadt Stettin hat Wohnungsnot und in Deutschland sind Mieten und Häuser günstig. Immer mehr Polen ziehen nach Löcknitz. Es ist ein gutes Beispiel, wie Europa gelingen kann. Denn hier leben die Menschen einfach zusammen. Die neuen Mitbürger sind dazu noch zumeist katholisch. Hier wird Kirche zum Integrationsfaktor – keine schlechte Perspektive und ein interessantes Modellprojekt des Erzbistums Berlin. Ländlicher Raum braucht auch die Kirche und zwar nicht nur als Kulturdenkmal. Heimat ist auch dort, wo sich Kirche engagieren sollte. Und das kann und wird zukünftig nicht nur die Stadt sein.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 01-02/2019.

 


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