Markus Kerber - 25. Januar 2019 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Heimat

Eine Zu- oder Absage an die Kultur der Moderne?


Heimatpolitik heute

Auf den ersten Blick erscheint unsere Welt immer widersprüchlicher: Während wir auf der einen Seite swipen und twittern wie die Weltmeister, backen wir auf der anderen Seite Plätzchen nach Großmutters Rezepten und stöbern auf Flohmärkten nach alten Schallplatten. Was hat es mit dieser Wiederbelebung der Tradition und diesem „Retro-Chic“ auf sich, die wir seit einigen Jahrzehnten in ganz Europa beobachten können?

 

Ganz offensichtlich waren die konkreten Lebenswelten sowohl in der ständisch-zünftischen als auch in der industriellen Gesellschaft wesentlich vielgestaltiger: Städte und Dörfer unterschieden sich aufgrund ihrer kulturellen, religiösen und beruflichen Milieus viel deutlicher als heute. Die Alltagswelt ist im postindustriellen Zeitalter gleichförmiger, ja, ihr Antlitz gesichtsloser geworden. Wenn beispielsweise die Fußgängerzonen in den Innenstädten wie geklont aussehen, weil die Geschäfte stets die gleichen Filialen derselben Global-Player-Ketten sind, die familiengeführte Vorgängerlädchen verdrängt haben, wird Entfremdung konkret vor Ort erfahren. Dann erstaunt es nicht, dass sich die Sehnsucht auf die eigene Region, die eigene Stadt, den eigenen Kiez transferiert: Diese sollen Individualität besitzen und Geborgenheit ausstrahlen.

 

Es deutet also vieles darauf hin, dass die neue Wertschätzung des Althergebrachten eine Reaktion auf Veränderungen sind, die das Individuelle des Lebensumfeldes aufgelöst und Länder und Kulturen zunehmend homogenisiert haben.

 

Wie stark die individuelle Suche nach „Beheimatung“ heute ausgeprägt ist und welche Formen sie annehmen kann, zeigt der 2016 erschienene Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh auf tragisch-komische Weise. Zeh präsentiert die Verzweiflung ihrer Protagonisten, die alles daransetzen, ihre Orientierungslosigkeit zu überwinden und Bodenhaftung durch „Rückbesinnung“ auf das einfache Leben im Brandenburgischen zu gewinnen. Dass auch die Landidylle als Sehnsuchts- und Zufluchtsort ihre Tücken aufweisen kann, erfährt der Leser dann nach und nach.

Diese tiefe Bedeutung von Heimatverbundenheit bestätigt sich nicht nur in der Romanwelt: Eine repräsentative Erhebung, die Mitte 2018 im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat durchgeführt wurde, belegt, dass acht von zehn Befragten den Begriff Heimat für wichtig oder sehr wichtig halten. Nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen empfinden Heimatgefühle, ob jung oder alt, ob aus Stadt oder Land, aus Ost oder West.

 

Wie aber entstehen diese Heimatgefühle und wo findet nun der Mensch die Orientierung, die er sucht? Der Einzelne findet Halt im Zusammensein mit anderen, in einer Gruppenidentität, die auf gemeinsamer Vergangenheit und sozialer Zugehörigkeit beruht. Tief verwurzelt fühlen sich die Menschen, die Tradition und Heimat teilen.

 

Aus meiner Sicht vereint der Heimatbegriff im 21. Jahrhundert vor allem drei Dimensionen:

 

Die erste Dimension beschreibt starke emotionale Anklänge: Heimat ist dort, wo sich Menschen wohl, akzeptiert und geborgen fühlen. Jeder kennt dieses Gefühl, dazuzugehören und Bestandteil einer Gemeinschaft zu sein. Kinder finden ihren ersten Halt im Zusammensein mit Eltern, Geschwistern und Freunden. Meist begleiten uns diese frühen Prägungen ein Leben lang. Eine Musik, ein Geruch, Bilder, ein Landstrich – und wir sind von einem Moment auf den anderen tief berührt und fühlen uns zu Hause. Dass wir Deutsche – wie viele andere Nationen – durch eine enge emotionale Bindung an unsere Herkunft, unsere regionalen Wurzeln, kurz unsere Heimatliebe geprägt sind, ist dabei eine unbestrittene Tatsache, die sich in unserer Umfrage widergespiegelt hat.

 

Häufig sind es die Erfahrungen mit der Familie oder dem engsten Umkreis, die Identität stiften und Halt bieten. Vielen geht es dabei auch um die eigene Wohngegend und die Nachbarschaft, mit der man vertraut ist. Geteilte Werte, eine gemeinsame Sprache und Sicherheit sind die Eckpfeiler des Heimatempfindens.

 

Die zweite Dimension des Heimatbegriffs ist eine individuell-plurale: Jeder Einzelne versteht Heimat unterschiedlich und es gibt folglich so viele Heimaten wie Individuen. In der offenen Gesellschaft gibt es eine Vielzahl von Normen, Tugenden, Verhaltensregeln und Gebräuchen, Gewohnheiten, kulturellen Gepflogenheiten und religiösen Überzeugungen. Sie beruhen auf einer Vielzahl von Wertentscheidungen. Die Pluralität sowohl in den Wertüberzeugungen als auch in den gesellschaftlichen Ausdrucksformen ist eine Bereicherung und eine Chance. Bei aller Unterschiedlichkeit sind aber nicht verhandelbar: die Menschenrechte als Grundlage von Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit, die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und die Gleichheit vor dem Gesetz, die Freiheit der Person und die Achtung der Rechte anderer und die übrigen Grundrechte sowie die tradierten Lebensverhältnisse.

 

Diese individuell-plurale Dimension bestätigt sich ebenfalls in der Befragung zur Heimatverbundenheit: Die Zeiten, als Heimatgefühle in Deutschland als blankes Synonym für Brauchtum und Vergangenheitsrituale verstanden – und zum Teil belächelt – wurden, sind vorbei. Heimat wird nicht als Kulisse, sondern als Gestaltungsaufgabe empfunden.

 

 

Heimat ist eben nicht nur der Ort, wo wir leben, es ist auch vor allem die Art, wie wir leben. Diese Art zu leben, unsere offene Gesellschaft, ist Teil unserer kulturellen Identität. Die große Mehrheit der Deutschen ist zu Recht der Meinung, dass es in unserem Land kulturelle Gepflogenheiten für ein gutes Miteinander gibt.

 

In der dritten Dimension des Heimatbegriffs offenbart sich seine ausgeprägte soziale Bedeutung: Heimat verbindet die Menschen und gibt ihnen Halt und Orientierung. Sie ist daher auch eine soziale Einheit, in der Menschen Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren.

Dies heißt an die Adresse der Politik: Sie muss die Bedürfnisse der Menschen, die hinter diesen Dimensionen liegen, (wieder) ernst nehmen und auf sie eingehen. Und die meisten Menschen beurteilen die Qualität ihres Lebens in erster Linie nach dem, was sie in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben – und damit: welche Perspektiven und Sicherheiten der Staat gewährt und bietet.

 

Zu lange wurde im Bereich staatlichen Handelns fast nur auf Effizienz und schmale Verwaltungen geachtet. Ein Staat jedoch, dessen Ordnungskräfte im Kleinwagen Kriminelle im Sportwagen verfolgen sollen und dessen Kommunen in Altschulden ertrinken, hinterlässt bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht den Eindruck, die Lage im Griff zu haben.

 

Diese verengte und verkürzte Sicht haben wir aufgegeben. Unser Ansatz für eine erfolgreiche Heimatpolitik ist weiter und gründet nach meiner Überzeugung auf drei Voraussetzungen:

 

Erstens: Heimatpolitik muss gesellschaftliche Veränderungen und Probleme offen benennen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Daher müssen wir eine Diskussion über die Rolle des Staates und die Lebensqualität in ganz Deutschland führen.

 

Zweitens: Heimatpolitik braucht den Staat als Impulsgeber. Daher hat diese Bundesregierung die Initiative ergriffen und die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ einberufen. Sie wird bis Sommer 2019 konkrete Empfehlungen vorlegen zu Fragen nach persönlicher Lebensqualität, nach individuellen Entfaltungsmöglichkeiten in den Problemregionen und nach dem Zusammenleben vor Ort.

 

Drittens: Heimatpolitik muss tragfähige Antworten auf die Suche nach Identität und Zugehörigkeiten geben und die Bürger auch emotional mitnehmen. Fragen der Identität und der Identifikation mit unserem Land sind heute wichtiger denn je. Unsere Identität leitet sich aus Tradition und Geschichte her. Sie lässt sich häufig an mythologisierten Orten festmachen, an Monumenten des kulturellen Gedächtnisses, wie beispielsweise dem Brandenburger Tor in Berlin. Die Konturen unserer kollektiven Identität sind jedoch nicht in Stein gemeißelt. Ein wesentliches Charakteristikum von Kultur ist, sich zu verändern und zu wandeln.

 

Wenn die Politik in Deutschland das Vertrauen ihrer Bürger erhalten will, muss sie auf das gemeinsame Heimatempfinden bauen und die Wurzeln der Vergangenheit mit dem Gestaltungswillen der Zukunft verbinden.

 

Die Alltagsprobleme der Menschen anzupacken und für Zusammenhalt und gute Lebensverhältnisse in einer immer unübersichtlicheren Lebenswirklichkeit zu sorgen, das ist das Kernanliegen Heimatpolitik des Bundesministers des Innern, für Bau und Heimat (BMI).

 

Zu diesem Zweck war es für uns nur folgerichtig, eine Heimatabteilung im BMI einzurichten. Die neue Abteilung Heimat mit drei Unterabteilungen ist inzwischen voll arbeitsfähig. Sie beschäftigt sich zum einen mit der Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Identifikation mit unserem Land. Zum anderen wird sie dazu beitragen, den infrastrukturellen Reformstau zu lösen.

 

Heimatpolitik ist nach unserem Verständnis daher alles andere als eine Absage an die Kultur der Moderne, sondern eine Zusage an die gestalterische Notwendigkeit derselben. Ich bin zuversichtlich, dass es uns mit diesem Aufbruch gelingen wird, das Ultramoderne unserer Lebenswelt mit unseren Ursprüngen zu vereinen und damit Sicherheit und Orientierung in einer Welt des rasanten Wandels zu vermitteln.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 01-02/2019.


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