Riccarda Cappeller - 22. Dezember 2016 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kultur im Iran

Die neue Brücke Teherans


Pol-e-Tabiat – Architektur, die Menschen zusammenbringt

Städte und Lebensräume werden häufig nur noch für Autos geplant und gebaut, nicht so sehr für die Menschen, die darin agieren. So entstehen Räume, die für Fußgänger unzugänglich sind und das soziale Leben in der Stadt erschweren. Besonders die großen Metropolen werden zu Autostädten, in denen der Mensch untergeordnet ist. So beschreibt die junge, iranische Architektin Leila Araghian auch ihre Heimatstadt Teheran. Sie gehört zu einer neuen Generation von Architekten und sieht ihr Fachgebiet als kulturellen Akt, der es ermöglicht, neue Paradigmen zu schaffen, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändern.

 

Mit fast 14 Millionen Einwohnern leben in der Metropole Teheran ca. 20 Prozent der Landesbevölkerung. Mehrere Highways bestimmen das Bild der Stadt. Sie durchkreuzen unter anderem einen 500 Hektar großen Bereich im Norden, der im Masterplan von 2003 zu einem öffentlichen Freizeitgebiet erklärt wurde.

Vor acht Jahren fand hier ein Wettbewerb zur Weiterentwicklung dieses Standortes statt. Dabei wurde nach Vorschlägen gesucht, um das durchtrennte Stadtgebiet zwischen Teleghani Park und Abo-Atash Park wieder zu verknüpfen. Durch eine besondere Form, ein Symbol, sollte dem gesamten Gebiet eine neue Identität gegeben werden. Araghian studierte damals noch, nahm aber trotzdem an diesem Wettbewerb teil und gewann ihn mit ihrer Idee für die Brücke Pol-e-Tabiat. So entstand an dieser Stelle das erste Großprojekt der Iranerin, das heute neben dem Azadi Tower zu einem Symbol moderner Architektur Teherans geworden ist.

 

Die „Natur-Brücke“, „tabiat“ bedeutet übersetzt Natur, ist ein positives Ergebnis architektonischer Gestaltung von öffentlichem Raum. Sie ist ein Bauwerk, das von den Bewohnern Teherans nicht nur respektiert, sondern auch gut angenommen und genutzt wird. Man versammelt sich zum Spazieren gehen, Sport machen, Diskutieren, Essen, um an der frischen Luft zu sein und den Ausblick auf die Stadt zu genießen. Es ist ein Ort der Begegnung und ein Ort für die Menschen, der nicht durch den Verkehrsbetrieb gestört wird, sondern vielmehr über ihm steht. Hier dominiert der Fußgänger über das Automobil.

 

In enger Zusammenarbeit mit dem italienischen Ingenieurbüro Matteo Maffeis und den Kollegen Araghians bei Diba Tensile Architecture entstand der Entwurf für die Brücke. Drei Jahre vor dem großen Durchbruch, der durch das Brückenkonzept gelang, hatte ihr Studienfreund Alireza Behzadi dieses Büro für Membranstrukturen gegründet. Nach den ersten Projekten und Experimenten an der Nähmaschine begann sich das Unternehmen zu entwickeln und zu professionalisieren. In dem Freizeitgebiet im Norden der Stadt hatte die Gruppe bereits kleinere Bauvorhaben wie ein Amphitheater und eine Brücke mit schattenspendenden Textilstrukturen realisiert. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Pavillonarchitekturen und die dadurch bereits erworbene Ortskenntnis führten zur Teilnahme am Wettbewerb der Brücke. Beide Gebilde erinnern an die Seilnetzkonstruktionen Frei Ottos, der als Meister dieser Architekturformen gilt. Sein Bauen mit minimalem Materialaufwand, die Verbindung von Technik und ökologischem Denken sowie die leichten, zeltartigen Gebilde haben sowohl die Forschung als auch die Praxis der Architektur sehr geprägt. Im Iran ist diese Art zu bauen neu und unkonventionell. Die jungen Architekten von Diba Tensile Architecture haben es sich zum Ziel gesetzt, mit Materialien und Strukturen zu arbeiten, die im Iran noch neu sind, in anderen Teilen der Welt aber bereits vielfach verwendet werden. Es geht ihnen nicht um das Übliche, für den Iran typische, sondern um innovative Projekte, die sowohl die Stadt Teheran als auch den Iran ein Stück weiterbringen.

 

Teheran wird nicht nur von Verkehrswegen durchkreuzt, sondern in vielen Nachbarschaften fließen auch kleine Flüsse. Leila Araghian beschreibt eine dieser Situationen so: „Ich lief mit einem Freund herum und an einer kleinen Brücke entdeckten wir, direkt vor einem Haus, ein Sofa, das wir auf die Brücke zogen und uns daraufsetzten. Mir wurde bewusst, dass man es gewohnt ist, Brücken zu überqueren, aber nur selten darauf verweilt. Wenn man doch einmal stehen bleibt und sich umschaut, entdeckt man neue Perspektiven und gewinnt andere Eindrücke und Bilder als vom Anfang oder Ende der Brücke aus“.

Aus der Erinnerung an diese Begegnung und die dort geschaffene Atmosphäre entstand die Idee für das neue Brückenprojekt Pol-e-Tabiat. Soziale Aspekte und die Frage nach den Möglichkeiten, die ein öffentlicher Raum zu bieten hat, was dieser also „tun“ kann, waren zunächst wichtiger, als das endgültige Design der Brücke. Die Architekten versuchten das, was für den Menschen wichtig ist – ob physischer oder psychischer Natur, in den Entwurf zu integrieren und umzusetzen. Dieser Gedanke stammt von dem japanischen Architekten Fumihiko Maki, den Araghian in ihrem Ted-Talk im April 2016 zitierte. Dessen Verständnis von der Aufgabe eines Architekten ist es, Räume zu schaffen, die auch menschliche Bedürfnisse erfüllen, die nur im Unterbewusstsein existieren. Wie viele Menschen würden z. B. eine 270 Meter lange Fußgängerbrücke, die 30 Meter über einer Autobahn schwebt, von vorneherein als positiv bewerten und für eine Umsetzung plädieren? Wahrscheinlich nicht viele. Trotzdem wird der Raum, der 2014, nach vier Jahren Bauzeit, fertig gestellt wurde, heute gut angenommen und ist als Ausflugsziel sehr beliebt.

 

Fünf Grundprinzipien wurden für die konkrete Planung festgelegt. Sie zeigen klare architektonische Konzepte, die simpel erscheinen, aber im Zusammenspiel eine komplexe Struktur mit den verschiedensten Nutzungsmöglichkeiten ergeben und einen Raum schaffen, der sehr flexibel nutzbar und für jeden zugänglich ist. Die neue Brücke sollte ein Ort des Verweilens sein, eine Fortsetzung des Parks ohne Alltagsstress und schnelles Vorübergehen. Sie sollte nicht nur zwei Punkte verknüpfen, sondern sie in die Situation integrieren. Heute öffnet sie sich an einer Seite zum Park, während am anderen Ende mehrere Wege entstehen, die dem Spaziergänger Alternativen anbieten und ihn jeden Besuch auf andere Weise wahrnehmen lassen. Eine weitere, sehr wichtige Entscheidung war die organische, leicht geschwungene Grundform. Die Brücke ist damit nicht die direkteste Verbindung zwischen den Parks. Vielmehr formt sie einen Weg, den jeder Besucher für sich entdecken kann – ohne das Ziel bereits von Anfang an zu sehen. Diese Form ergab sich unter anderem aus dem Vorsatz, nur einen minimalen Eingriff in der existierenden Umgebung vorzunehmen. Mit wenigen und sinnvoll platzierten Stützen sollte so viel Natur wie möglich erhalten werden. Wie in einem traditionellen englischen Garten, birgt der Weg Überraschungsmomente und immer wieder neue Perspektiven. Auf insgesamt drei Ebenen – einer Aufenthalts-, einer Transit- und einer Ausblicksebene, die im Gegensatz zu den anderen Bereichen nicht über die gesamte Brücke reicht – können sich die Besucher aufhalten und die mehrdimensionale Brücke über Rampen und Treppen erkunden. Bemerkenswert ist die gute Zusammenarbeit der Architekten und Ingenieure, die es tatsächlich geschafft haben, eine strukturelle Form mit der Gestaltung eines abwechslungsreichen Lebensraums zu verbinden. Wenn die Planer an dieser Stelle nicht zusammenarbeiten, ruinieren statische Elemente oft die architektonische Gestaltung und das Raumerlebnis.

 

Bei der Konzeption von Architektur sollte nicht wie so oft die Form und Gestaltung im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die eigentliche Nutzung. Für die erfolgreiche Umsetzung eines spannenden Entwurfes, der im Alltagsleben der Menschen Platz finden soll, ist es essenziell, den Bezug zu menschlichen Lebensräumen herzustellen und in Gemeinschaftsformen zu denken, die Raum zur individuellen Realisierung bieten und so ein Ergebnis erzielen, dass als gegenwärtiges Gesellschaftsprodukt gilt – eine sozial geprägte, universale Architektur, die auch in der Zukunft weiter besteht.

Mit der Pol-e-Tabiat-Brücke wurde eine Plattform geschaffen, die dem Aussichtspunkt des Königs auf der „Kahju-Brücke“ von 1650 ähnelt. Die Bewohner und Besucher Teherans können von hier aus einen Blick auf die Stadtkulisse werfen und gleichzeitig die Berge dahinter wahrnehmen. Es ist ein Ort sozialer Gerechtigkeit, der jederzeit zugängig für alle ist und das Gefühl vermittelt, Teil der Stadt zu sein. Außerdem verdeutlicht er das Recht der Menschen auf einen freien, öffentlich zugänglichen, qualitativen Raum und den Respekt, den ihnen die gebaute Umwelt entgegenzubringen hat. Rechte, die zwar in einer dynamischen Stadt wie Teheran selbstverständlich erscheinen, aber mit Blick auf die Politik nicht unbedingt selbstverständlich sind.

 

Im Oktober dieses Jahres hat Araghian mit der Pol-e-Tabiat-Brücke den Aga-Khan-Preis für Architektur gewonnen. Alle drei Jahre werden mit dieser Auszeichnung Projekte gekürt, die Beispiele qualitativ hochwertiger Architekturen und Verbesserungen der allgemeinen Lebensqualität sind. Gleichzeitig thematisieren diese Projekte aber auch die Erwartungen und Wünsche in vorrangig muslimisch geprägten Gesellschaften. Als junge Architektin ist eine solche internationale Anerkennung natürlich bemerkenswert. Das Unterstreichen der Tatsache, dass sie eine junge Iranerin ist, spielt für Araghian jedoch keine Rolle. Zwar habe das Projekt dadurch mehr Aufmerksamkeit gewonnen, aber zum einen sei ihr Arbeitskollege ein Mann und zum anderen sei die Konstruktionswelt für beide – Männer und Frauen – nicht immer einfach zu meistern. Wichtiger als der Preis selbst sei aber die Tatsache, dass das Projekt von der Bevölkerung angenommen wird und zu einem Ort des gemeinschaftlichen Lebens geworden ist.

 

Dieser Text ist zuerst in der Politik & Kultur 1/17 erschienen.


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