Klaus Vellguth - 27. August 2019 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kolonialismus-Debatte

Christliche Mission immer neu denken


Das Internationale Institut für missionswissenschaftliche Forschungen (IIMF)

Das Internationale Institut für missionswissenschaftliche Forschungen (IIMF) mit Sitz in Münster ist eine Vereinigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie von Freunden und Förderern der Missionswissenschaft und der Erforschung interkultureller Beziehungen und Entwicklungen. Die Vereinigung wurde vor mehr als hundert Jahren von katholischen Missionswissenschaftlern gegründet, ist ökumenisch offen und pflegt den interdisziplinären Austausch.

 

Gegründet wurde das Internationale Institut für missionswissenschaftliche Forschung im Jahr 1911 in Mainz als erstes missionswissenschaftliches Institut in der katholischen Welt durch eine Gruppe von Missionswissenschaftlern bzw. Förderern der Missionswissenschaft. Die Gründung ging seinerzeit auf eine Anregung des Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger und auf die Initiative des Reichstagsabgeordneten Alois Fürst zu Löwenstein zurück, der die Gründung des Vereins im Rahmen der Berliner Konferenz des Missionsausschusses des Zentralkomitees der Katholikenversammlung Deutschlands im Januar 1911 beantragt hatte.

 

Im selben Jahr wie das IIMF wurde auch die vom Institut publizierte Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft (ZMR) als erste katholische Fachzeitschrift der damals neuen theologischen Disziplin gegründet. Erster Schriftleiter war der Münsteraner Missionswissenschaftler Joseph Schmidlin. Bis heute besteht eine der wesentlichen Aufgaben des IIMF in der Herausgabe dieser missionswissenschaftlichen Zeitschrift, die gegenwärtig von Mariano Delgado als Schriftleiter verantwortet wird. Zur bewegten Geschichte dieser missionswissenschaftlichen Zeitschrift gehören Namensänderungen, zwangsweise Einstellungen in der NS-Zeit sowie Neugründungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem die Zeitschrift für Missionswissenschaft im Jahr 1947 wieder erscheinen konnte, gab sie sich 1950 den Namen „Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft“ (ZMR).

 

Heute fördert das IIMF die wissenschaftliche Erforschung theoretischer und praktischer Fragestellungen im Umfeld von Mission, Evangelisierung, Inkulturation und Kommunikation des christlichen Glaubens. Eine wesentliche Herausforderung besteht für das IIMF gegenwärtig darin, Missionswissenschaft neu zu denken und dabei die Reflexionen der interkulturellen Forschungen ebenso wie die Impulse des Postkolonialismus aufzugreifen – und diese in die Missionswissenschaft zu integrieren. Da die christliche Mission in früheren Jahrhunderten auch vom Zeitalter des Kolonialismus geprägt war, trägt derzeit insbesondere der Postkolonialismus mit seiner Akzentuierung der nachhaltigen Dekolonisierung ehemaliger Kolonien gegenüber ihren Kolonialmächten einerseits und seiner Fokussierung auf das Fortbestehen imperialistischer Strukturen in verschiedenen Lebensbereichen andererseits zu einer qualifizierten Weiterentwicklung der missionswissenschaftlichen Reflexion bei. Dabei wird Postkolonialismus heute auch im missionswissenschaftlichen Kontext nicht linear-historisch, sondern als eine in interdependenten Prozessen sich realisierende Realität verstanden, die dazu beiträgt, weithin unreflektiert Machtstrukturen zu etablieren und Menschen zu marginalisieren. Der Postkolonialismus lädt auch die Missionswissenschaft zur Dekonstruktion von Beziehungen sowohl in den früheren Kolonien des Südens als auch in den früheren Kolonialländern des Nordens ein, um Systeme der Unterdrückung in Kirche und Gesellschaft zu durchbrechen. Damit korrespondiert der postkoloniale Ansatz mit einem Verständnis einer relationalen Missionswissenschaft, deren Ziel die Verkündigung einer christlichen Botschaft ist, bei der die menschliche Befreiung und Entfaltung im Zentrum steht. Erforscht werden dabei insbesondere die Erfahrungen von politischer, wirtschaftlicher und kultureller Unterdrückung, durch das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung bestimmte hierarchische Beziehungen, ethnische Dominanz und Subordination, durch Migration bestimmte Kontexte, von hierarchischem und anthropozentrischem Denken geprägte Beziehungen zur Schöpfung, Formen akademischer Diskurse etc.

 

Diese Reflexionen fließen in die missionswissenschaftlichen Diskurse des IIMF ein, die sich als akademische Beiträge zu der Frage verstehen, wie sich die christliche Mission im 21. Jahrhundert angemessen realisiert. Diese Frage ist für die Kirche in Deutschland ebenso wie für die Weltkirche umso bedeutender, als Papst Franziskus die Mission der Kirche in eindrucksvoller Weise ins Zentrum seines Pontifikats gestellt hat.

 

Um die qualifizierte Reflexion missionswissenschaftlicher Themen zu fördern, veranstaltet das IIMF wissenschaftliche Symposien und Konferenzen, wirkt an einschlägigen Tagungen mit und fördert die Publikation missiologischer und religionswissenschaftlicher Veröffentlichungen. Die katholischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im IIMF bilden einen Arbeitskreis, der zugleich die von kirchlichen und gesellschaftlichen Vertretern anerkannte „Arbeitsgemeinschaft Missionswissenschaft und Religionswissenschaft“ unter den katholisch-theologischen Disziplinen bildet.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.


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