42. KW: Blauäugig oder naiv
- Blauäugig oder naiv: Eckpunktepapier Fortschrittsagenda Kultur + KI von Bund und Ländern
- Werkstattgespräch des Behindertenbeauftragten und des Deutschen Kulturrates „Menschen mit komplexen Unterstützungsbedarf“
- Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band: Sebastian Krumbiegel
- Dossier: Das Magazin der Republik – Die Deutsche Nationalbibliothek
- Branchendialog zur Kultur- und Kreativwirtschaft
- Text der Woche: „Kultur ist immer politisch“ – Iris Berben im Gespräch
- Treffen mit dem Kulturrat NRW im Rahmen der Kultur-Länderkonferenz
Sehr geehrte Damen und Herren,
blauäugig, so könnte das vorgestern von Bund und Ländern verabschiedete Eckpunktepapier Fortschrittsagenda Kultur + KI (Arbeitstitel) freundlich beschrieben werden. Naiv, wäre vermutlich zutreffender. Beim 25. Kulturpolitischen Spitzengespräch in Berlin kamen auf Einladung von Staatsminister Weimer die Kulturministerinnen und Kulturminister, die Kultursenatorinnen und Kultursenatoren der Länder sowie die Kommunalen Spitzenverbände zusammen und haben unter anderem das Eckpunktepapier zur KI beschlossen.
Versprochen wird dem Kunst- und Kulturbereich als „Zielbild“ in dem Papier ein Art modernes Schlaraffenland: „Die Transformation durch KI in Kunst und Kultur findet statt. Die Institutionen und Akteure des Kunst- und Kulturbereichs sind sowohl Nutznießende als auch Gestaltende.“ Nichts deutet zurzeit darauf hin, dass dieses Wunschbild Wirklichkeit wird.
Gesprochen wird in dem Eckpunktepapier fast ausschließlich von Chancen. Risiken wie z. B. der Wegfall der ökonomischen Existenzgrundlagen aufgrund des standhaften Ignorierens des Urheberrechts durch KI-Unternehmen werden ebenso wenig benannt wie Arbeitsplatzverluste gerade auch im Kulturbereich durch den Einsatz von KI.
Selbst die großen KI-Unternehmen wie Open AI oder Anthropic, die immerhin mit KI Geld verdienen wollen, sind viel kritischer gegenüber KI eingestellt als Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Kulturminister der Länder. Man stellt sich schon die Frage, ob die aktuellen Diskussionen der letzten Monate über KI wirklich nicht wahrgenommen wurden.
Bemerkenswert ist auch, dass offenbar am liebsten im eigenen Saft geschmort wird. Zwar wird eine Arbeitsgruppe, bestehend aus BKM, NRW und Berlin, in den nächsten Monaten gebildet, in denen die Fortschrittsagenda Kultur und KI konkretisiert werden soll. Sie soll auch weitere Stakeholder zu Beratungen hinzuziehen, Wissenschaft und Forschung sollen aber offenbar nicht beteiligt werden. Dabei werden wesentliche Entwicklungen zur Nutzung von KI in den Kulturerbeeinrichtungen in enger Zusammenarbeit mit den Fachverbänden aus dem Kulturbereich sowie unter Einbeziehung der Interessen der Urheber- und Verwerterseite bereits seit einigen Jahren im Rahmen der kulturbezogenen Programme der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur vorangetrieben. Dort an den Schnittstellen zwischen Forschung, Präsentation und fachlichem Diskurs wurden in der ersten Förderperiode der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur die Kompetenzen und Verbindungen aufgebaut, die im Kulturbereich verankert sind und die unterschiedlichen Bezüge im Blick haben. Es wäre das Mindeste diese Kompetenzen und den Erfahrungsschatz einzubeziehen.
Vollkommen außer Acht gelassen werden ebenfalls die Hochschulen – auch die Kunst- und Musikhochschulen, die schon lange mit KI arbeiten, in Lehre und Forschung einsetzen, aber ebenso kritisch hinterfragen und sich immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, was menschliches Schaffen ausmacht und was Mensch-Maschine-Interaktionen bedeuten.
Der Deutsche Kulturrat selbst hat seit 2023 in sechs Stellungnahmen zu den Chancen und Risiken von KI im Kulturbereich Position bezogen. Dabei wurden stets die – teils auch unterschiedlichen – Interessen von Künstlerinnen und Künstlern, Kulturunternehmen, Kultureinrichtungen einschließlich der fachbezogenen Forschung und der Amateure untereinander abgewogen und in gemeinsamen Papieren formuliert:
- Positionierung des Deutschen Kulturrates zur „Aufforderung einer Stellungnahme zu einer Initiative „KI-Strategie für die Kultur- und Kreativbranchen“ der Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur der EU-Kommission“ 10.09.2026
- Stellungnahme des Deutschen Kulturrates zur Konsultation des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung für einen weiterentwickelten Rahmen für Open Data 10.09.2026
- Stellungnahme des Deutschen Kulturrates zum „Call for Evidence“ der EU-Kommission v. 13. Mai 2026 26.06.2026
- Stellungnahme des Deutschen Kulturrates zu urheberrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz 13.01.2025
- Künstliche Intelligenz: Rahmenbedingungen für Kunst und Kulturrat nachhaltig entwickeln 09.10.2024
- Künstliche Intelligenz und Urheberrecht 22.06.2023
Beim Themenkomplex Kultur und KI müssen die Chancen und Risiken gemeinsam betrachtet werden und vor allem müssen endlich die rechtlichen Rahmenbedingungen vernünftig gestaltet werden. Das ist die Verantwortung der Politik.
Das Eckpunktepapier Fortschrittsagenda Kultur + KI von Bund und Ländern enttäuscht leider auf ganzer Linie.
Ihr
Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
LinkedIn
PS. Ich habe gestern Nacht DLF-Kultur ein Interview zum Thema gegeben. Hier zum Nachhören:Fortschrittsagenda Kultur und KI: Haben Bund und Länder einen Plan? (15. Oktober 2026, 23:34 Uhr)
2. Werkstattgespräch des Behindertenbeauftragten und des Deutschen Kulturrates „Menschen mit komplexen Unterstützungsbedarf“
Manchmal kommen bei all der Kritik die positiven Entwicklungen zu kurz. Beim gestrigen gemeinsamen Werkstattgespräch des Behindertenbeauftragten und des Deutschen Kulturrates im Humboldt Forum in Berlin konnte als erstes festgestellt werden, dass Kritik auf fruchtbaren Boden fällt. Vor anderthalb Jahren führten wir bereits ein erstes gemeinsames Werkstattgespräch im Humboldt Forum durch und es wurde bemängelt, dass die Sanitäranlagen für Menschen mit komplexen Einschränkungen nicht ausreichend waren. Das gestrige Werkstattgespräch wurde unter anderem deshalb im Humboldt Forum durchgeführt, weil dieser Mangel beseitigt und damit eine wichtige Voraussetzung geschaffen wurde, dass Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf am Werkstattgespräch teilnehmen konnten. DANKE HUMBOLDT FORUM!
Beim Werkstattgespräch kamen Künstlerinnen zu Wort, die einen komplexen Unterstützungsbedarf haben und berichteten davon, wie sie trotz zahlreicher Barrieren, die ihnen in den Weg gelegt wurden, ihren künstlerischen Weg gehen. Sie haben nicht nur davon gesprochen, sondern es waren auch Arbeiten zu sehen. Genauso wurde sich Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf gewidmet, die „aus Spaß an der Freud“ musizieren oder tanzen und es waren Ausschnitte von ihren Auftritten zu sehen und zu hören.
Zusammen mit dem Behindertenbeauftragten werden wir in den nächsten Monaten unsere gemeinsamen Teilhabeempfehlungen für inklusive Kultur mit Blick auf Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf konkretisieren.
3. Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band: Sebastian Krumbiegel
Sebastian Krumbiegel, Musiker und in der DDR aufgewachsen, ist Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band.
Im Video erinnert er sich an die besondere Aufbruchsstimmung der Tage nach dem Mauerfall. Zugleich richtet er den Blick auf die Gegenwart und warnt vor einem erstarkenden Nationalismus. Das Grüne Band ist für ihn deshalb mehr als ein Erinnerungsort: Es zeigt, wohin Ausgrenzung und Abschottung führen können – und warum es wichtig bleibt, sich für Offenheit, Freiheit und ein demokratisches Miteinander einzusetzen.
Im Projekt „Auf dem Weg zum Welterbe: Der Natur- und Kulturraum Grünes Band“ von Deutschen Kulturrat und BUND wird der Diskussionsprozess um die Aufnahme der ehemaligen innerdeutschen Grenze einschließlich der Berliner Mauer (Grünes Band) als gemischte Welterbestätte in die UNESCO-Welterbeliste begleitet und unterstützt. Ziel ist die dauerhafte Anerkennung und der Schutz dieses einzigartigen Natur- und Kulturraums. Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfaltet sich mit fast 1.400 Kilometern der längste Biotopverbund Deutschlands, der zugleich eine lebendige Gedächtnislandschaft darstellt, die europäische Geschichte und demokratischen Wandel eindrücklich erfahrbar macht.
4. Dossier: Das Magazin der Republik – Die Deutsche Nationalbibliothe
In Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek hat der Deutsche Kulturrat das Dossier „Das Magazin der Republik – Die Deutsche Nationalbibliothek“ herausgegeben. Es gibt Einblicke in Geschichte, Auftrag und Zukunft dieser zentralen Gedächtnisinstitution und lädt dazu ein, eine der wichtigsten Wissenseinrichtungen Deutschlands kennenzulernen.
57 Millionen Werke. Zwei Standorte. Ein kulturelles Gedächtnis.
Die Deutsche Nationalbibliothek ist der Wissensspeicher der Bundesrepublik. Täglich erreichen mehr als 13.000 Veröffentlichungen die Einrichtungen in Leipzig und Frankfurt am Main. Dort werden sie gesammelt, inhaltlich sowie formal erschlossen und für kommende Generationen bewahrt. Mittlerweile sind über 57 Millionen Werke im Bestand.
Das Magazin der Republik
Ein Politik & Kultur-Dossier
Hg. v. Olaf Zimmermann und Theo Geissler
ISBN 978-3-947308-74-3, 88 Seiten, 5,90 €
Erscheinungsdatum 01.09.2026
as Dossier kann zum Preis von 5,90 Euro versandkostenfrei im Online-Shop des Deutschen Kulturrates bestellt werden. Es ist auch über jede Buchhandlung lieferbar.
- Als E-Paper kann das Dossier hier gelesen werden
- Zur Aufzeichnung der Dossiervorstellung und der politischen Podiumsdiskussion in Frankfurt am Main vom 15.09.2026
5. Branchendialog zur Kultur- und Kreativwirtschaft
Am 5. Oktober kamen Vertreterinnen und Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft im Bundeskanzleramt mit Kulturstaatsminister Dr. Wolfram Weimer, dem Beamteten Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Dr. Thomas Steffen sowie der Parlamentarischen Staatssekretärin und Mittelstandsbeauftragten der Bundesregierung Gitta Connemann zum Austausch zusammen.
Im Mittelpunkt standen Herausforderungen und Perspektiven der Branche, insbesondere die Entwicklungen und Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und Big Tech, bürokratische Belastungen und Entwicklungen in den Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Für den Deutschen Kulturrat konnte ich an dem Branchendialog teilnehmen.
6. Text der Woche: „Kultur ist immer politisch“ – Iris Berben im Gespräch
Seit Jahrzehnten arbeitet Iris Berben nicht nur sehr erfolgreich als Schauspielerin, sondern setzt sich beharrlich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus sowie für Erinnerungskultur, jüdisches Leben und demokratische Bildung ein. Der Deutsche Kulturrat zeichnet sie dafür mit dem Deutschen Kulturpolitikpreis 2026 aus. Anlässlich der Preisverleihung spricht Theresa Brüheim mit Iris Berben über ihre Schauspielerfahrungen, neue Filme, Frauenbilder und ihr gesellschaftliches Engagement.
Theresa Brüheim: Ende Februar dieses Jahres ist der Film „Ein fast perfekter Antrag“ in die Kinos gekommen. Sie spielen darin die Kunstprofessorin Alice. Der Film erzählt auch von einer späten Liebe und von der Bereitschaft, etwas Neues zu wagen. Was kann ein Mensch mit zunehmendem Alter vielleicht besser neu beginnen als ein junger Mensch?
Iris Berben: Ich glaube, man kann klarer fokussieren und seine Unwissenheit, seine Vorurteile, seine Beeinflussung von außen ausgrenzen. Man hat Erfahrungen gemacht und weiß besser, wie man mit Angst, Unsicherheit oder Respekt vor etwas umgeht. Man kann versuchen, das zu analysieren und damit zu arbeiten.
Wenn man sehr jung ist, fehlt einem vielleicht noch diese Grundlage. Im Alter kann man sich selbst einen klareren Weg vorgeben, weil man weiß, wie man Dingen begegnet. Die Hemmungen, die man vielleicht als junger Mensch hat, besetzt man anders – mit seiner Erfahrung.
Iris Berben ist Schauspielerin
Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrats
- Lesen Sie hier das vollständige Interview
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