38. KW: Kulturelles Gedächtnis dauerhaft sichern und allen zugänglich zu machen
- Kulturelles Gedächtnis dauerhaft sichern und allen zugänglich zu machen
- Gedächtnis der Nation – Die DNB zwischen Kulturerbe, Wissen und Zukunft
- Eine kulturpolitische Cellostunde im Brandenburgischen Parlament
- Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit!
- Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band: Christian Höppner
- Text der Woche: „Jetzt Abhängigkeiten reduzieren! Für mehr digitale Souveränität“ von Çiğdem Uzunoğlu
Sehr geehrte Damen und Herren,
wollten Sie schon immer mal wissen, wie die Straße, in der Sie wohnen, 1923 oder 1974 hieß? Interessiert Sie das Adressbuch der Stadt, in der Sie leben, aus den 1960er Jahren? Fragen Sie sich, wie alte Quelle-, Neckermann- oder Otto-Kataloge aussehen?
Wollen Sie wissen, worum es im ersten Perry-Rhodan-Roman vom 8. September 1961 ging? Oder interessieren Sie mehr die Erstausgaben der Bücher der deutschen Literaturnobelpreisträgerinnen und -preisträger des 20. Jahrhunderts wie Thomas Mann, Heinrich Böll, Günter Grass oder Herta Müller? Oder schlägt Ihr Herz für die Erstveröffentlichung »Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie« von Albert Einstein aus dem Jahr 1916?
Egal, wo Ihre Interessen liegen, in der Deutschen Nationalbibliothek werden Sie fündig. Seit 1913 sammelt sie in Deutschland erscheinende Schriftwerke. Egal, ob als Buch, als PDF, auf einem USB-Stick, als E-Book, als Open-Source-Publikation oder in anderer Form veröffentlicht, müssen von jeder in Deutschland verlegten Veröffentlichung zwei Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek abgegeben werden.
Täglich treffen mehr als 13.000 Werke in Leipzig und Frankfurt am Main ein, die registriert, katalogisiert, erschlossen, aufbewahrt und hoffentlich für die Ewigkeit zugänglich gemacht werden. Der Gesamtbestand lag im August 2026 bei mehr als 57 Millionen Werken. Insgesamt 569 Beschäftigte kümmern sich an den beiden Standorten Leipzig und Frankfurt am Main um die Sammlung, Bewahrung, Erforschung und Zugänglichmachung von Werken.
Mit einem Dossier über die Arbeit der Deutschen Nationalbibliothek stellen wir nach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Bundesarchiv die dritte der großen vom Bund geförderten Gedächtniseinrichtungen in Deutschland ausführlich vor.
Gerade in Zeiten der globalen Unsicherheit ist es umso wichtiger, unsere kulturellen Leistungen sicher zu bewahren. Die großen und die vielen kleineren Gedächtniseinrichtungen in Deutschland sind die Orte, ohne die unsere Gesellschaft ihre kulturelle Identität verlieren würde. Zurzeit reden wir viel darüber, wie wir unsere Gesellschaft resilienter gegen Bedrohungen von außen und innen aufstellen können. Das kulturelle Gedächtnis dauerhaft zu sichern und allen zugänglich zu machen, ist für mich eines der wichtigsten Instrumentarien dafür. Deshalb ist die auskömmliche öffentliche Finanzierung der Gedächtniseinrichtungen in Deutschland kein Luxus in guten Zeiten sondern gerade heute Kernaufgabe der öffentlichen Hände.
Neugierig geworden? Lassen Sie sich mitnehmen und erfahren Sie mehr über die Arbeit einer der zentralen kulturellen Gedächtniseinrichtungen Deutschlands, der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main und Leipzig. Viel Spaß beim Entdecken!
Ihr
Olaf Zimmermann
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Herausgeber von Politik & Kultur
2. Gedächtnis der Nation – Die DNB zwischen Kulturerbe, Wissen und Zukunft
Am 15. September hat der Deutsche Kulturrat und die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main das neue Dossier von Politik & Kultur mit dem Titel „Das Magazin der Republik: Die Deutsche Nationalbibliothek“ vorgestellt.
Der Abend machte deutlich: Die Deutsche Nationalbibliothek muss sowohl unser analoges als auch digitales Erbe bewahren und zugleich die (digitale) Langzeitsicherung stärken, damit Wissen auch in Zukunft dauerhaft verfügbar bleibt – resilient gegenüber Krisen, Klimawandel und Cyberangriffen.
Auch Urheberrecht, KI und digitale Souveränität waren zentrale Themen.
Ebenso müssen dringend Lücken bei der Sammlungstätigkeit geschlossen werden. Dass die Deutsche Nationalbibliothek z. B. keine Spiele sammelt, ob physisch oder digital, ist ein Fehler, der vom Gesetzgeber schnellstens korrigiert werden muss. Gerade die digitalen Spiele, die auf flüchtigen Datenträgern wie Kassette, Floppy Disk oder CD-ROM gespeichert wurden, lösen sich in wenigen Jahrzehnten auf. Hier muss der Auftrag für die Deutsche Nationalbibliothek schnell erweitert werden, auch Spiele als Pflichtexemplare zu erhalten, die Lücken aus den letzten Jahrzehnten zu schließen und Wege zur dauerhaften Erhaltung zu finden. Das wird natürlich nur funktionieren, wenn die dafür notwendigen öffentlichen Mittel dauerhaft und in ausreichender Höhe zur Verfügung gestellt werden.
Vielen Dank an Timon Gremmels, Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, Awet Tesfaiesus und Klaus-Peter Willsch, Mitglieder des Deutschen Bundestags, sowie Moderatorin Doris Renck vom Hessischen Rundfunk für die spannende Diskussion.
- Zum Dossier „Das Magazin der Republik“
- Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und kann auf der Website der Deutschen Nationalbibliothek, und am 27. September bei hr2-kultur, nachgehört werden
3. Eine kulturpolitische Cellostunde im Brandenburgischen Parlament
Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke und der Präsident des Deutschen Kulturrats Christian Höppner rufen zu Zusammenhalt in Vielfalt auf.
Die Abgeordneten des Brandenburgischen Landtags haben gestern eine außergewöhnliche Mittagspause erlebt: Der Präsident des Deutschen Kulturrates, langjähriger Generalsekretär des Deutschen Musikrats und Professor für Violoncello der Universität der Künste Berlin, Prof. Christian Höppner, hat den Parlamentariern eine „kulturpolitische Cellostunde“ gegeben.
Nach einführenden Worten von Prof. Ulrike Liedtke gab Prof. Christian Höppner gemeinsam mit seiner Gaststudentin, Cynthia Wang, Unterrichtsdemonstrationen zu verschiedenen Themen am Instrument auch unter Einbeziehung des Publikums.
Dieses besondere Angebot zählt zu den Tombolapreisen des Deutschen Kulturrates, die den Teilnehmenden am ersten bundesweiten Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt am 21. Mai 2026 in Aussicht gestellt worden waren. Die Mitglieder der Initiative kulturelle Integration hatten zusammen über 300 Tombolapreise gestiftet, die im Anschluss an den Aktionstag per Losverfahren vergeben wurden. Die „kulturpolitische Cellostunde“ von Prof. Christian Höppner fiel auf die Aktion von Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke, die zum Aktionstag am 21. Mai 2026 zum Forum Demokratie: „Zusammenhalt in Vielfalt“ einlud.
Mit über 450 Aktionen in allen Bundesländern war der erste Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt am 21. Mai 2026 ein großer Erfolg. Aufgerufen dazu hatten die Mitglieder der Initiative kulturelle Integration – ein breites Bündnis von 28 Vertreterinnen und Vertretern der Sozialpartner, Religionsgemeinschaften, Medien, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.
Save the Date: Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt 2027
Der nächste Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt findet wieder im zeitlichen Umfeld des UNESCO-Welttags der kulturellen Vielfalt am 21. Mai 2027 statt.
4. Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit!
Die Folgen des Klimawandels sind allgegenwärtig und nicht zu übersehen: verheerende Waldbrände in vielen Teilen Europas, anhaltende Hitzewellen und extrem niedrige Wasserstände der Flüsse. Es wird immer deutlicher, wie dringend nachhaltiges Handeln erforderlich ist.
Der Sammelband „Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit“ zeigt, wie der Kultur- und Naturbereich gemeinsam die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 voranbringen können.
37 ausgewiesene Expertinnen und Experten aus Kultur, Umwelt- und Naturschutz, Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft widmen sich dem Thema Nachhaltigkeit und machen deutlich: Nachhaltige Entwicklung gelingt nur im Zusammenspiel von Natur, Kultur und Gesellschaft.
Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit – Wie der Kultur- und Naturbereich gemeinsam die UN-Nachhaltigkeitsziele voranbringen können.
Hg. v. Olaf Zimmermann und Hubert Weiger
978-3-947308-40-8, 256 Seiten, 22,80 Euro
Im Sammelband schreibt Michael Müller, Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt Naturschutz und Reaktorsicherheit a.D., über das Nachhaltigkeitsziel Nr. 13:
Maßnahmen zum Klimaschutz
Die Zeit läuft uns davon
Wir leben in einem Jahrzehnt der Extreme, in dem die bisherigen Gewissheiten keinen Bestand mehr haben. Es ist die gefährlichste Dekade seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und wir müssen heute alles tun, damit es nicht ähnlich dramatisch endet. Die Krisen und Herausforderungen häufen, verbinden und verstärken sich. Immer schneller steuert die Menschheit auf den verhängnisvollen Zeitpunkt zu, an dem die unbewältigten Krisen Synergien erzeugen werden, deren negative Folgen jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Damit stellt sich die Frage: Können wir noch zu einem grundlegenden Kurswechsel kommen, so wie er, wenn auch unzureichend, in den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen vorgegeben ist? Vollständiger Beitrag im Sammelband „Ohne Kultur keine Nachhaltigkeit„, S.182.
- Im Shop des Deutschen Kulturrates können Sie den Sammelband bestellen
- Hier können Sie einen Blick in die kostenfreie Online-Version werfen
5. Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band: Christian Höppner
Professor Christian Höppner, Cellist, Dirigent und Präsident des Deutschen Kulturrates, ist Botschafter für den Natur- und Kulturraum Grünes Band.
Im Botschaftervideo erinnert er sich als West-Berliner an den Tag des Mauerfalls. Neben seiner persönlichen Erinnerung an die vielen Menschen aus Ost-Berlin, die damals über den Kurfürstendamm strömten, betont er vor allem eines: die Sichtbarkeit des Natur- und Kulturraumes Grünes Band als Sinnbild für ein friedliches, geeintes Europa.
Im Projekt „Auf dem Weg zum Welterbe: Der Natur- und Kulturraum Grünes Band“ von Deutschem Kulturrat und BUND wird der Diskussionsprozess um die Aufnahme der ehemaligen innerdeutschen Grenze einschließlich der Berliner Mauer (Grünes Band) als gemischte Welterbestätte in die UNESCO-Welterbeliste begleitet und unterstützt. Ziel ist die dauerhafte Anerkennung und der Schutz dieses einzigartigen Natur- und Kulturraums. Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfaltet sich mit fast 1.400 Kilometer der längste Biotopverbund Deutschlands, der zugleich eine lebendige Gedächtnislandschaft darstellt, die europäische Geschichte und demokratischen Wandel eindrücklich erfahrbar macht.
6. Text der Woche „Jetzt Abhängigkeiten reduzieren! Für mehr digitale Souveränität“ von Çiğdem Uzunoğlu
Digitale Souveränität ist eines jener Schlagworte, die derzeit allgegenwärtig sind: in politischen Debatten, Unternehmensstrategien und Sonntagsreden. Je häufiger der Begriff fällt, desto unklarer scheint oft seine Bedeutung. Dabei ist sie erstaunlich einfach: Souverän ist, wer selbst entscheiden kann.
Seit Jahrhunderten verteidigen Menschen genau diese Freiheit. Umso irritierender ist, wie bereitwillig wir sie im digitalen Raum Stück für Stück aus der Hand geben – und uns dabei weitgehend den Großkonzernen US-amerikanischer Prägung ausliefern: wenn wir Apps nutzen, Informationen suchen, über Plattformen kommunizieren oder uns von Algorithmen Inhalte empfehlen lassen. Das gilt längst auch für die Nutzung Künstlicher Intelligenz, die zunehmend Texte für uns schreibt, Fragen beantwortet oder Wissen strukturiert.
Sicher: Das spart Zeit und eröffnet neue Möglichkeiten. Gleichzeitig bestimmen digitale Systeme immer stärker mit, was wir sehen, lesen und für relevant halten. Nicht laut. Nicht plötzlich. Aber still und leise, Schritt für Schritt.
Çiğdem Uzunoğlu ist Direktorin des Grimme-Instituts und Autorin der Kolumne „Grimmes Stimme“
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