Michelle Müntefering - 30. Juni 2020 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Lageeinschätzungen Kulturbereiche

Warum nicht zwei Schritte nach vorn?


Ein Plädoyer für eine europäische Öffentlichkeit

Einer gemeinsamen Weltkrise kann sich kein Land durch Absperrung entziehen. Gerade in Europa sind Wirtschaft, Politik und Kultur so eng miteinander verbunden, dass durch Isolation und Absonderung alle nur verlieren können. Europa steht vor der Wahl: entweder mehr Integration oder Rückfall in nationale Egoismen.

 

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wahrscheinlich schon, denn von der Weggabelung, vor der Europa heute steht, lesen und hören wir gerade viel. Es handelt sich bei den mahnenden Worten allerdings nicht um einen aktuellen Feuilletonbeitrag, sondern um die Zusammenfassung eines Vortrags von Stefan Zweig. Gehalten im Jahr 1932 in Florenz.

 

Zugegeben: So düster wie damals sieht es heute nicht aus. Von einem heraufziehenden Krieg in Europa wie in den 1930er Jahren sind wir glücklicherweise weit entfernt.

 

Dennoch hat uns die Corona-Pandemie vor Augen geführt, wie verletzlich Europa ist und dass die europäische Einigung genauso wenig selbstverständlich ist wie die Demokratie. Jacques Delors hatte recht: Europa ist wie ein Fahrrad – bleibt es nicht in Bewegung, droht es umzufallen.

 

Das europäische Fahrrad fährt noch, aber es hat in den letzten Jahren an Geschwindigkeit verloren und ist ins Schlingern geraten. Wirtschaftskrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Brexit und jetzt Corona. Daneben der Aufstieg populistischer und nationalistischer Kräfte überall auf dem Kontinent. So offen wie heute war die Geschichte Europas schon lange nicht mehr. Eben darum wirken die Worte Stefan Zweigs so vertraut auf uns.

 

Dabei wäre gerade jetzt die Geschlossenheit Europas wichtig. Die bisherigen globalen Mächtegleichgewichte verschieben sich. Die multilaterale Weltordnung ist unter Druck. Der Konflikt zwischen den USA und China wird schärfer. Der Klimawandel verlangt eine globale Anstrengung, wie wir sie bisher nicht kannten. In dieser Welt braucht es eine starke europäische Stimme für Multilateralismus, Menschenrechte und internationale Zusammenarbeit. Eine Stärkung Europas ist notwendig, wenn wir unsere Werte und Interessen im 21. Jahrhundert wahren möchten.

 

Wie also Europa stärken? Der aktuell diskutierte Recovery Fund kann und muss dazu beitragen, Europa mit Investitionen auch in nachhaltige Technologien und dem Ausbau der Digitalisierung fit für die Zukunft zu machen. Aber die Stärkung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit ist nur die eine Seite. Die europäischen Zivilgesellschaften brauchen ein gemeinsames Verständnis für Europa und das Bewusstsein geteilter Verantwortung für seine Zukunft. Hierfür bedarf es einer echten europäischen Öffentlichkeit und eines europäischen Kulturraums. Corona bietet die Chance, diesen Weg nun entschlossen zu gehen.

 

Mein Plädoyer: Nutzen wir diese Chance. Ergänzen wir den Recovery Fund und den Green Deal durch einen Cultural Deal, um einen Raum europäischer Öffentlichkeit und Kultur zu schaffen. Reparieren wir nicht nur den Schaden, sondern schaffen wir etwas Neues. Wenn uns das gelingt, könnte Corona der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Integration werden.

 

Klar. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Es entstand auch gar nicht als politische Gemeinschaft. Die Wiege Roms lag auf sieben Hügeln verteilt und in der Mitte war eine Freifläche. Erst als sich die Bewohner der Hügel entschieden, diese Fläche zu einem Ort der gemeinsamen Öffentlichkeit zu machen, wurde Rom zur politischen Gemeinschaft. Den gemeinsamen Ort nannten die Römer Forum und machten es zum Mittelpunkt der römischen Republik.

 

Auch das gemeinsame Europa lässt sich nicht an einem Tag erbauen. Wir haben uns von unseren nationalen Hügeln schon ein ganzes Stück ins Tal hinabgewagt. Wir haben einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln und ohne Grenzzäune geschaffen. Wir haben gemeinsame Institutionen, eine gemeinsame europäische Rechtsprechung und sogar eine gemeinsame Währung. Doch das schafft eben noch keine Gemeinschaft. Was fehlt, ist der gemeinsame öffentliche Raum, die europäische Öffentlichkeit: das europäische Forum.

 

Wie können wir nun aber ein solches europäisches Forum schaffen? Ich meine: Der entscheidende Hebel ist mehr gesellschaftlicher Austausch und kulturelle Kooperation in Europa. Und das ganz zeitgemäß: analog und digital.

 

Als ein wesentliches Hindernis für die Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit galt lange die Sprachenvielfalt in Europa. Auch heute sind Sprachbarrieren noch Kommunikationsbarrieren. Die Hürden werden aber kleiner: Junge Europäerinnen und Europäer sprechen heute so viele Fremdsprachen wie keine Generation vor ihnen. Gerade Englischkenntnisse sind für junge Menschen heute in ganz Europa selbstverständlich. Moderne Übersetzungsprogramme bringen uns der Vision des Babelfisches aus Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ einen ganzen Schritt näher. Sprache ist keine unüberwindbare Hürde mehr. Die Voraussetzungen sind gegeben, dass wir durch einen Ausbau unserer kulturellen Kooperation in Europa einen europäischen Öffentlichkeits- und Kulturraum ermöglichen.

 

Daher gilt es nun, Künstlerinnen und Künstler, Kreative und Kulturschaffende vor den Folgen der Krise zu schützen. Denn sie sind von der Krise besonders stark betroffen. Theater, Galerien, Kinos und Clubs mussten bereits ganz zu Beginn der Krise schließen und können auch jetzt erst sehr langsam wieder öffnen. Für viele Künstlerinnen und Künstler ist das existenzbedrohend. Es ist daher richtig und wichtig, dass die Mitgliedstaaten, aber auch die EU-Kommission Maßnahmen und Programme aufgesetzt haben, um Kreativen und Kulturinstitutionen zu helfen.

 

Bei kurzfristigen Hilfen können wir es aber nicht bewenden lassen. Wir sollten nicht nur Hilfspakete schnüren, um die Folgen der Krise abzumildern, sondern Mittel bereitstellen, um etwas Neues zu schaffen, das den europäischen Gedanken, die Vision und die Erzählung eines solidarischen Europas stärkt. Wir brauchen gerade jetzt eine europäische Kulturpolitik, die in die Gesellschaften hineinwirkt; die eine Kultur fördert, die offen und einladend ist, die nicht national repräsentiert, sondern allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Und gesellschaftliche Teilhabe heißt hier: europäische Teilhabe.

 

Dazu ist es wichtig, den Austausch und die Netzwerkbildung von Künstlerinnen und Künstlern, Kreativen in Europa stärker zu unterstützen. Durch gemeinsames Arbeiten entstehen gemeinsame Ideen und Projekte. Fördervoraussetzung ist dabei stets die Beteiligung aus mehreren europäischen Ländern und die Breitenwirkung in die Gesellschaft hinein. Warum sollte es neben Mobilitätsstipendien für Studierende und Auszubildende nicht auch niedrigschwellige Austauschprogramme für Schauspieler, Regisseure und Bühnentechniker geben und auch im Programm „Creative Europe“ Mobilitätsmaßnahmen verstärkt werden?
Zudem ist es nötig, die kulturelle Infrastruktur Europas auszubauen, um Kunst, Kultur- und Kreativwirtschaft wie andere Wirtschaftsbranchen auch strukturell zu unterstützen. Wir brauchen mehr gemeinsame europäische Kunst- und Kulturproduktion.

 

Warum nicht versuchen, eine gesamteuropäische Medien- und Kommunikationsplattform aufzubauen? Ein Europa-Netflix-Sky-ARTE! Gerade auch der digitale Austausch in Europa braucht einen Schub. Corona hat viele kreative Ideen für digitale Kulturangebote freigesetzt, die auch in Zukunft das kulturelle Leben bereichern werden. Wir sollten jetzt dafür sorgen, dass sie über die Krise hinaus zu einer europäischen Öffentlichkeit beitragen können. Dies umfasst den Ausbau digitaler Bürgerdialoge und Begegnungen, aber auch die Herausbildung einer europäischen Netzkultur, in der Bürgerinnen und Bürger, Netzakteure und Kunstszene miteinander im Austausch stehen. Dazu gehört auch, die digitale Resilienz Europas zu stärken, also die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaften gegenüber Desinformation.

 

Schließlich sollten wir den strategischen Ansatz der EU für die internationalen Kulturbeziehungen ausbauen. Unser Ziel muss es sein, auch außereuropäisch Partner zu unterstützen und das gesellschaftspolitische Bild eines gemeinsamen und solidarischen und weltoffenen Europas in der Welt zu vermitteln. Mit der im Aachener Vertrag beschlossenen Gründung integrierter deutsch-französischer Kulturinstitute gibt es bereits einen Nukleus für eine vertiefte kulturelle Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb Europas, die wir weiter ausbauen sollten. Warum nicht mit dem ersten gemeinsamen digitalen europäischen Kulturinstitut vorangehen?

 

Im Zentrum des Kulturprogramms der deutschen EU-Ratspräsidentschaft steht das Kunstwerk „Earth Speakr“ des dänisch-isländischen Künstlers Ólafur Elíasson, das die Stimmen junger Menschen wie ein Verstärker in ganz Europa hörbar machen will. Wenn wir aufmerksam sind, erkennen wir darin einen Blick in die Zukunft Europas und etwas davon, was Kunst beitragen kann, um einen europäischen Öffentlichkeits- und Kulturraum zu schaffen.

 

Wir können uns jetzt von unseren 27 nationalen Hügeln hinabwagen und nach der Phase der schmerzhaften Grenzschließungen umso entschlossener nach vorn gehen. Dann kann es uns gelingen, dass Stefan Zweigs Vortrag tatsächlich wie das wirkt, was er ist: ein Bericht aus einem anderen Jahrhundert. Warum eigentlich nicht?

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 07-08/2020.


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