Franck Riester - 30. Juni 2020 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Lageeinschätzungen Kulturbereiche

Die Wiederbelebung der Kultur


Wie navigiert die Kulturnation Frankreich durch die Corona-Krise?

Frankreich steht ein völlig neuer Kultursommer bevor. Die Fête de la Musique, die jedes Jahr die Sommersaison einläutet, musste sich neu erfinden, um trotz der gebotenen Schutzmaßnahmen unser aller Herzen zum Schwingen zu bringen. Nach den Museen und Denkmälern haben auch die Kinos mit angepassten Besuchsbedingungen ihre Türen wieder geöffnet. Und auch die Veranstaltungsstätten werden allmählich ihren Betrieb wiederaufnehmen, während die großen Festivals, an deren kreativer Dynamik wir uns Jahr für Jahr erfreuen, weiterhin nicht stattfinden können.

 

Die Kulturwelt war eine der ersten Betroffenen von den Maßnahmen, die zur Bewältigung der Gesundheitskrise ergriffen wurden. Und sie leidet noch immer unter den Auswirkungen der Krise, die im Kultursektor nachhaltiger und tiefgreifender sein werden als in anderen Sektoren. Gerade in dieser schwierigen Zeit, in der die Kultur nicht mehr den ihr gebührenden Platz einnehmen kann, sehen wir am deutlichsten, welch große Bedeutung sie in unserem Zusammenleben spielt und wie wichtig es ist, dass sie von der öffentlichen Hand unterstützt und gefördert wird.

 

Wir werden uns von dieser schrecklichen Krise nicht erholen, wenn wir unser Kulturmodell nicht konsolidieren. Dabei geht es nicht nur um die Unterstützung eines Wirtschaftssektors, der mehr als zwei Prozent des französischen Bruttoinlandproduktes ausmacht und zur Attraktivität unseres Landes als Tourismusstandort beiträgt. Sondern es geht darum, dem tiefen Bedürfnis unserer Gesellschaft nach gemeinsamen Kulturerfahrungen nachzukommen, um die Gegenwart zu beleuchten und der Zukunft ein Gesicht zu geben.

 

Das französische Kulturministerium setzt seit Beginn der Krise gemeinsam mit der Regierung und in Abstimmung mit den Gebietskörperschaften alles daran, damit die Krise unser so reichhaltiges Kultur-Ökosystem nicht dauerhaft schwächt. In diesem Sinne hat der Staat den Kultursektor bis heute mit nahezu 5 Milliarden Euro unterstützt.

 

Zuerst ging es darum, Arbeitsplätze zu retten und die Strukturen über Wasser zu halten. Zu diesem Zweck konnten die Kulturakteure von den allgemeinen Maßnahmen profitieren, die von der Regierung auf den Weg gebracht wurden. Die Unternehmen können Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen, solange sie ihre Aktivität einstellen müssen, d. h. ihre Mitarbeiter erhalten 84 Prozent ihres Nettogehaltes vom Staat. Zur Bewältigung ihrer Liquiditätsschwierigkeiten können die Kulturakteure auf staatlich garantierte Darlehen im Umfang von mehr als zwei Milliarden Euro zurückgreifen. Sie werden von Sozialabgaben befreit und können die Stundung anfallender Zahlungen für Steuern beantragen. Kleine Unternehmen und Selbständige konnten aus einem gemeinsam vom Staat und von den Regionen getragenen Solidaritätsfonds schöpfen. Insgesamt 3,5 Milliarden Euro sind der Kulturwelt durch diese Querschnittsmaßnahmen bereits zugutegekommen.

 

Ergänzend dazu habe ich mich für Maßnahmen stark gemacht, die an die Besonderheiten der einzelnen Kunst- und Kultursparten angepasst sind, damit die Situation aller ihrer Akteure, insbesondere der schwächsten, berücksichtigt wird. Ich habe die spartenspezifischen Mittlerorganisationen für Film, Musik, Literatur und bildende Künste des Kulturministeriums sowie das „Institut national des métiers d’art“ beauftragt, in Abstimmung mit den entsprechenden Berufsverbänden Hilfsprogramme aufzulegen. Notfallfonds wurden eingerichtet, um Sonderhilfen zu ermöglichen. Bestimmte Steuern wurden ausgesetzt und die Vergabebedingungen für bestimmte Förderleistungen an die veränderten Bedürfnisse angepasst. Darüber hinaus wurden die staatlich unterstützten Finanz- und Kreditinstitute erheblich in ihren Interventionsmöglichkeiten gestärkt. Insgesamt belaufen sich diese Sondermaßnahmen auf 1,5 Milliarden Euro.

 

Darüber hinaus erhalten die „intermittents“, d. h. all die Künstlerinnen, Künstler und Beschäftigten des Bühnen-, Film- und audiovisuellen Mediensektors in Zeitarbeit, für die ein weltweit einzigartiges Sonderregime gilt, langfristig Unterstützung. Sie können ihre Ansprüche bis August 2021 geltend machen, sodass die Lohnfortzahlung nicht mehr von einer bestimmten Zahl an Arbeitsstunden abhängig ist, die sie aktuell nicht mehr erbringen können.

 

Nach einer Periode des Stillstands hat die kulturelle Aktivität nun wieder Fahrt aufgenommen. Dennoch müssen sich alle Kulturschaffenden auf die neue Situation einstellen, die nicht zuletzt durch eine notwendige Beschränkung der Besucherzahlen in den Kultureinrichtungen gekennzeichnet ist, welche ihre Ressourcen untergräbt. Sie können auf die Unterstützung des Staates zählen. Demnächst wird ein umfangreiches Programm öffentlicher Aufträge in allen Bereichen des künstlerischen Schaffens aufgelegt, um die Arbeit der Kreativen, insbesondere der jüngsten, zu unterstützen. Um eine rasche Wiederaufnahme der Dreharbeiten zu ermöglichen, haben wir einen Garantiefonds in Höhe von 50 Millionen Euro eingerichtet, um die Film- und Fernsehproduzenten zu entschädigen, die sich aufgrund der Coronavirus-Epidemie mit einem Drehstopp konfrontiert sehen.

 

Über die Erholung hinaus müssen wir aber auch eine nachhaltige Wiederbelebung der Kultur vorbereiten. Wir müssen jetzt an einer ehrgeizigen Neuausrichtung unseres Kulturmodells arbeiten, wenn wir dessen Grundfesten besser schützen wollen. Dabei ist insbesondere die Stärkung unserer kulturellen Souveränität ein vorrangiges Ziel. Die globalen Internet-Riesen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.

 

Umso wichtiger ist es, dass wir auf europäischer Ebene an der Förderung der kulturellen Vielfalt arbeiten und dafür sorgen, dass die Europäer Zugang zu ihrer eigenen Kultur haben. Ich hoffe, dass diese schwere Krise, die wir durchlebt haben, als Beschleuniger für die Umsetzung einer europäischen Strategie für kulturelle Souveränität wirken wird.

 

Das europäische Modell für die Regulierung des digitalen Sektors bietet, basierend auf der Freiheit, der Verantwortung und der gerechten Entlohnung der Kreativen, einen geeigneten Rahmen, um die vor uns liegenden Herausforderungen zu bewältigen. Frankreich hat sich verpflichtet, die AVMD- und die Urheberrichtlinie noch vor Ende des Jahres zu verabschieden.

 

In diesem Sinne rufe ich alle unsere Partner auf, gemeinsam für den Schutz der Kreativen und des Pluralismus einzutreten. Auch wünsche ich mir, dass wir gemeinsam über die Einrichtung eines „europäischen Kulturschutzschildes“ nachdenken, um die durch die Krise geschwächten europäischen Unternehmen sowie ihre Beschäftigten und Vermögenswerte vor feindlichen Übernahmeversuchen zu schützen.

 

Im weiteren Sinne müssen wir die Kultur in den Mittelpunkt der Solidarität zwischen den Europäern stellen. Durch die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen allen Kulturakteuren und durch die Förderung der Verbreitung von Werken und Künstlern können wir dazu beitragen, alle Bürgerinnen und Bürger um ihr gemeinsames Erbe und ihre gemeinsame Kultur zusammenzubringen.

 

Ich weiß um die Entschlossenheit Deutschlands in all diesen Fragen. So kurz vor Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft und in einer für die Zukunft der europäischen Kulturpolitik so wichtigen Zeit wünsche ich mir, dass das deutsch-französische Tandem treibende Kraft für ein ehrgeiziges Engagement im Dienste unseres Kunst- und Kultursektors ist.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 07-08/2020.


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