Corona-Blues: Zombies geistern durch die Städte

Perspektiven für die Kultur sind dringend nötig

Ich gebe zu – auch mich packt allzu oft der Corona-Blues. Jetzt liegen elf Monate Kultur-Lockdown hinter uns. Fast immer hart, also vollständig, nur in den Sommermonaten des letzten Jahres gab es eingeschränkte Öffnungen unter strengen Hygienebedingungen.

 

Der März letzten Jahres war noch ganz davon geprägt, schnell Hilfsprogramme auf den Weg zu bringen.

 

Die in der Künstlersozialkasse versicherten Künstlerinnen und Künstlern hatten noch im November 2019 geschätzt, dass 2020 ihr Einkommen wieder steigen wird. Viele Planungen bestanden. Vor den meisten lag ein normales Jahr, mit den ganz normalen Aufs und Abs. Die Leipziger Buchmesse stand Ende Februar 2020 noch vor der Türe. Lesungen von Autorinnen und Autoren waren geplant und auch ich freute mich, mich wieder in das Leseparadies Leipzig zu stürzen.

 

In der Initiative kulturelle Integration hatten wir noch Ende Januar eine Fachtagung zum Gedenken an 70 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durchgeführt, weitere Veranstaltungen waren in Planung, um sich mit diesem Thema und vor allem dem jüdischen Leben in Deutschland heute zu befassen. Im Musikbereich stand das große Jubiläum zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven vor der Tür. Manche hatten bereits seit Jahren darauf hingearbeitet. Die Berlinale war abgeschlossen, aber die Filmwelt freute sich noch auf weitere „Rote Teppiche“, sprich auf andere Festivals. Aus jeder künstlerischen Sparte und jedem Bereich des kulturellen Lebens lassen sich Beispiele von geplanten Veranstaltungen, Tagungen, Ausstellungen, Aufführungen und vielem anderen mehr aufzählen, die nach Beginn der Pandemie in Deutschland nicht oder zumindest nicht so, wie geplant, stattfinden konnten.

 

Jetzt fast Ende Februar 2021 befindet sich der Kulturbereich immer noch im Lockdown. Die Buchmesse in Leipzig findet auch in diesem Jahr nicht statt.

 

In den letzten 12 Monaten wurden viele Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, vom Bund und auch von den Ländern. Neben den Programmen, die sich an alle von der Pandemie Betroffenen richten, gibt es auch spezifische ausschließlich für den Kulturbereich – und zwar sowohl in den Ländern als auch mit NEUSTART KULTUR vom Bund. Der Deutsche Kulturrat und viele seiner Mitgliedsverbände sind seit einem Jahr im Ausnahmezustand. So viele Gespräche zwischen den Verbänden,  der Politik und der Verwaltung, so viele gemeinsam angeschobene Programme und Hilfsmaßnahmen hat es noch nie gegeben. Und ja natürlich, vieles kann noch verbessert oder ausgeweitet werden, aber vieles ist auch geschehen und gelungen.

 

Mein Eindruck ist überdies, dass die Nöte des Kulturbereiches in der Politik wahrgenommen werden. Deshalb kann mit den Politikerinnen und Politikern zurzeit nicht nur über die Nothilfe in der Pandemie, sondern auch über die mittel- und langfristigen Fragen zur Verbesserung der grundsätzlichen Situation im Kulturbereich gesprochen werden. Nutzen wir dieses Zeitfenster, um grundlegende Fragen der sozialen Absicherung jetzt anzusprechen, um das Verhältnis zwischen Projekt- und Infrastrukturförderung jetzt zu hinterfragen, um über das Verhältnis zwischen abhängiger Beschäftigung und Selbständigkeit aktuell nachzudenken, um eine sinnvolle Digitalisierung im Kulturbereich voranzubringen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass der anstehende Bundestagswahlkampf die Offenheit in der Politik für unsere Anliegen noch einmal erhöhen wird.

 

Der Corona-Blues macht aber mehr aus. Mir fehlt es, mit anderen Menschen zusammenzukommen, ganz zufällig bei einer Tagung oder einer anderen Veranstaltung neben jemandem zu sitzen und ins Gespräch zu kommen. Ein Gespräch, das fortgesetzt wird und aus dem sich neue Ideen oder auch neue Formen der Zusammenarbeit ergeben. Mir fehlen die Pausen bei den Sitzungen der Ausschüsse des Deutschen Kulturrates, die immer die Gelegenheit bieten, mit dem einen oder der anderen dieses oder jenes Thema ganz en passant anzusprechen. Ich vermisse in den Zoom-Sitzungen den direkten Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Verbänden und Organisationen. Selbst die vielen Dienstreisen, über die ich mich manchmal beklagt habe, fehlen mir. Jeden Tag schaue ich auf viele kleine Kästchen mit Menschen drin. Fast jedes digitale Konferenzprogramm habe ich inzwischen ausgiebig testen dürfen. Technisch funktionieren fast alle hervorragend. Und doch fehlt etwas Entscheidendes: die menschliche Begegnung.

 

Auch Live-Kunst kann durch den Bildschirm nicht ersetzt werden. Für mich liegt ein großer Unterschied darin, ob ich ein Bild tatsächlich im Original betrachten kann oder am Bildschirm sehe, ob ich mich freue auf eine Aufführung im Theater, das Klingeln höre, das letzte Räuspern, bevor der Vorhang hochgeht und das Spiel beginnt, oder ob ich am Bildschirm, unterbrochen vom Holen eines Getränks, mir etwas anschaue. Die Aura des Originals und des Live-Erlebnisses, sie werden jetzt besonders deutlich. Darüber hinaus vertraue ich der katharischen Wirkung der Kunst. Das gemeinsame Lachen und Weinen, so trivial es für manchen klingen mag, ist eine wesentliche Funktion gerade des Theaters oder auch des Kinos. Für uns Menschen zählt eben nicht nur der Verstand, sondern auch die Emotion. – Und wenn ich dies alles so schmerzlich vermisse, wie wird es Künstlerinnen und Künstlern gehen, die der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Publikum beraubt sind. Wer von Kindesbeinen an auf eine künstlerische Karriere hinarbeitet, ist nun auf null gestellt. Neben allen ökonomischen Problemen, die der Lockdown verursacht, ist dies ein Thema, das meines Erachtens viel zu selten angesprochen wird.

 

Wenn ich in meiner Stadt Berlin durch die Straßen gehe, sehe ich, was der Lockdown mit den Menschen macht. Fast wie Zombies geistern wir durch die Städte. Ich bin daher fest davon überzeugt, dass wir dringend eine Perspektive für menschliche Begegnungen brauchen. Unsere Forderungen nach Öffnungsszenarien im Kulturbereich sind ein Hilferuf nach einer Perspektive, wann wieder Begegnungen möglich sind, wann wieder Live-Kunst möglich ist!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 3/2021.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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